Das CJD - Die Chancengeber CJD Herten

Was macht eigentlich ein Chancengeber, Frau Lindekamp

18.08.2016 CJD NRW Nord CJD BFZ Wesel « zur Übersicht

Wesel. Die „Chancengeber.de“ prangt über dem Gebäude. Ellen Lindekamp arbeitet hier, blickt auf einen Erfahrungsschatz von 30 Jahren Sozialarbeit zurück, seit 15 Jahren in Diensten des CJD Berufsförderungszentrums Wesel. Und dass die kleine Stichstraße zu „ihrer“ Einrichtung in eine Sackgasse führt, gilt nur für Autos. Nicht für Menschen.

Frau Lindekamp. Kurze Verständnisfrage, CJD steht für...

Christliches Jugenddorfwerk Deutschland. Im Berufsförderungszentrum unterstützen wir Menschen mit multiplen, also vielschichtigen Problemen, um sie ins Arbeits- und Berufsleben zu integrieren.

Wer kommt zu Ihnen?

Ganz unterschiedlich. Junge Leute, die keine Ausbildung haben. Menschen mit familiären, gesundheitlichen oder auch sozialen Problemen, die sich schwer tun auf dem Arbeitsmarkt. Menschen mit Handicap. Da versuchen wir ganz individuell, Unterstützung anzubieten.

Vor wenigen Tagen haben wir über den afghanischen Journalisten Sayed Suliman Sadat berichtet, der ein Praktikum beim lokalen Radio hier in Wesel machen konnte. Ja. Den jungen Mann konnten wir in ein neues Programm einbauen: „Perspektiven für Flüchtlinge“ – ausgeschrieben von der Bundesagentur für Arbeit in Wesel. Wir haben den Zuschlag bekommen – sind im Mai mit der ersten Gruppe angefangen und beginnen nun mit der zweiten. Nach weiteren drei Monaten folgt eine dritte Gruppe. Jeweils mit etwa 10 Teilnehmern.

Jeweils drei Monate, in denen Sie Menschen aus anderen Ländern – die in der Regel kaum ein Wort Deutsch sprechen, eine berufliche Perspektive erarbeiten sollen – Respekt, das ist sportlich.

Ja sicher. Aber wir können damit einen Grundstein legen. Sichten, was bringt jemand mit, was kann jemand leisten. Natürlich unterscheidet sich das von unseren anderen Maßnahmen deutlich. Wenn wir mit Langzeitlosen arbeiten zum Beispiel, haben wir ganz andere Gegebenheiten. Nun müssen wir oft gucken, welche Qualifikationen bringt jemand mit. Welche Schul- oder Berufsabschlüsse liegen vor. Welche praktischen Fertigkeiten hat er.

Nach drei Monaten ist dann wieder Schluss.

Für diese Maßnahme ja. Aber unterschätzen Sie nicht die Bedeutung, die ein Betriebspraktikum hat. Einmal bekommen Sie betriebliche Erfahrung, Berufspraxis. Das unterscheidet sich ja gewaltig von der Berufspraxis in Ihrem Heimatland. Sie bekommen Sprachpraxis, ein weiterer Schritt in die Integration. Noch wichtiger fast: Sie dürfen arbeiten. Es tritt etwas Normales ein – nach all dem Unnormalen – Flucht, Angst, Leben in einem fremden Land, in einem beengten Raum, in einem Heim ohne Privatsphäre. Mich beeindruckt immer wieder neu, mit wieviel Motivation unsere Flüchtlinge zu uns kommen.. „Ich will, ich will“, hat letztendlich einer gesagt. „Ich will arbeiten, ich will Deutsch lernen, ich will mich integrieren, ich will mir eine Existenz aufbauen“.

Bekommen Sie von den Vorurteilen oder gar Missstimmungen gegenüber Flüchtlingen etwas mit?

Oh ja. Natürlich. Die Ereignisse von Köln in der Silvesternacht, zum Beispiel, die haben auch unter unseren Flüchtlingen für große Aufregung gesorgt. Da war sofort die Angst spürbar, dass sich jetzt alles und alle auch gegen sie richtet.

Wie gehen Sie damit um?

Zu uns kommen Menschen. Punkt. Und die unterscheiden sich als Mensch nicht von uns. Überall gibt es Menschen, wo es sich lohnt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Uns geht es doch gut, bei allen Problemen und sicher auch Engpässen. – (kleine Pause) Ich darf ein Beispiel geben? Vor wenigen Tagen waren wir mit einer Gruppe Flüchtlinge im Garten. Plötzlich flog der Rettungshubschrauber über uns Richtung Krankenhaus. Unsere Flüchtlinge wurden kreidebleich, ein paar wollten wegrennen. Diese Menschen haben Schreckliches erlebt. Das ist für uns unvorstellbar.

Gibt es viele Betriebe, die Flüchtlinge für jeweils drei Monate aufnehmen?

Ja und nein. Natürlich würde ich mir wünschen, wir könnten mehr Menschen mit Praktika versorgen. Aber die Firmen, die Plätze bereitstellen, sind unglaublich offen und engagiert. Meistens sind es kleinere, mittelständische, oft sogar Familienbetriebe. Da holt der Chef den Praktikanten morgens sogar im Heim ab, bringt ihn abends wieder nach Hause. Und mittags wird im Kreis der Familie oder Kollegen gemeinsam gegessen. Da ist schon eine große Akzeptanz und Hilfsbereitschaft zu spüren

Behördliches Netzwerk alleine genügt nicht.

Behördliches Netzwerk ist wichtig, um Strukturen zu schaffen. Aber ganz klar: Ohne ehrenamtliche Hilfe und Betreuung würde es ganz ganz schwer. Aber eines möchte ich betonen: Wir haben hier nicht die rosarote Brille auf. Vieles ist schwer und ein gewisses Maß an Kritik ist ja auch richtig und gerechtfertigt. Aber Fakt ist auch: Jeder hat erstmal eine Chance verdient.

Wenn da jetzt eine Fee käme und Sie hätten drei Wünsche frei, Frau Lindekamp... (schmunzelt) Also als Erstes wünschte ich mir mehr bei den behördlichen Maßnahmen mehr Möglichkeiten zur Kreativität. 50 Prozent weniger Vorgabe – das wäre schon toll. Wenn ich die Fee nicht verschreckt habe, wünschte ich mir zweitens viele Betriebe, die Praktika anbieten oder sogar einen Ausbildungsplatz. Und drittens, eine Fee für mich und meine Kollegen, dass wir die schwierigen Dinge aushalten.

Quelle: http://www.NRZ.de/12080206

Wörtlicher Auszug aus der NRZ, Interviewerin Frau Waldor-Schäfer
Foto: Diana Roos